Brückengänger: HASHIGUCHI George und Berlin

Dieses Mal schreibt der in Berlin lebende Autor und Journalist NAKAMURA Masato über den Fotografen HASHIGUCHI George (japanische Schreibweise: Jōji). SEKIKAWA Fujiko, im JDZB für die Rubrik „Brückengänger*innen“ zuständig, ist völlig aus dem Häuschen, ist sie doch ein langjähriger Fan von HASHIGUCHI.

Rolleiflex Kamera

Anlässlich des 160sten Jubiläums japanisch-deutscher diplomatischer Kontakte stellen wir – und auch unsere Freunde und Partner – in der Rubrik „Brückengängerinnen und Brückengänger“ Menschen aus beiden Ländern vor, die die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern mit Leben erfüllt haben oder noch erfüllen. In einer gemeinschaftlichen Publikation der Japanisch-Deutschen Gesellschaft Tōkyō und des JDZB „Brückenbauer – Pioniere des japanisch-deutschen Kulturaustausches“ (2005, IUDICIUM Verlag) wurden bereits viele Menschen gewürdigt, welche die deutsch-japanischen Beziehungen aktiv gestaltet haben. Hier knüpft diese Rubrik an, die wir auf Initiative von SEKIKAWA Fujiko (Leiterin Sprachendienst JDZB) gestartet haben. Neben berühmten Persönlichkeiten werden auch weniger bekannte Personen vorgestellt. Seien Sie gespannt!

----------------------------------------------------------------------

Im November 2009 habe ich den Fotografen HASHIGUCHI George (Jahrgang 1949) bei einer Vortragsveranstaltung im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin (JDZB) kennengelernt. Damals hatte ich gerade mein Buch „Sugao no Berurin“ (Berlin ungeschminkt) [Diamond Verlag, 2009] veröffentlicht, und die Ehefrau eines JDZB-Angestellten hatte es Herrn HASHIGUCHI geschenkt.

Image
Fotoband „Hof "
Fotoband „Hof – Berurin no Kioku“ (Hof – Memories of Berlin), Iwanami Verlag, 2011

In seinem Vortrag im JDZB hat Herr HASHIGUCHI seine seit den 1980er Jahren aufgenommenen Fotos vorgestellt und über seine Beziehung zu Berlin gesprochen. Es war ein äußerst interessanter Vortrag. Zuvor hatte ich eines seiner bekanntesten Werke „Berurin Monogatari“ (Eine Geschichte aus Berlin) [Jōhō Center Verlag, 1983] gelesen und hatte mir über ein Bild von ihm gemacht. Wie Herr HASHIGUCHI jedoch vor meinen Augen leibhaftig stand und ganz gemächlich, als ob er ein Gedicht vortragen würde, die einzelnen Worte abwägend sprach, machte mir jedoch deutlich, wie falsch ich mit diesem meinem Bilde lag.

In seinem Vortrag hat mich besonders die Episode beeindruckt, wie Herr HASHIGUCHI und seine damalige Assistentin Frau HOSHINO Hiromi – die heute als Sachbuchautorin erfolgreich ist – ein Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer in den Ostteil von Berlin fuhren und sich den Stadtbezirk Prenzlauer Berg (heute ein Ortsteil im Bezirk Pankow) eingehend ansahen.

Während seines Vortrages zeigte Herr HASHIGUCHI auf der (Beamer-)Projektionsleinwand eine handgezeichnete Karte. Entlang der Straßen waren Eintragungen auf Japanisch wie „Tabakladen“, „Milchladen“ und „Seifenladen“ zu sehen. Die Altbauten im Prenzlauer Berg, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten, wurden während der DDR-Zeit nur selten saniert. Daher waren viele der Ladenschilder und Werbetafeln aus der Vorkriegszeit erhalten geblieben. Die handgezeichnete Karte, die Herr HASHIGUCHI und Frau HOSHINO erstellt hatten, war somit eine Rekonstruktion der Berliner Lebensräume von den 1990ern bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts.
 

Ich zitiere aus dem Fotoband „Berurin“ (Berlin) [Ōta Verlag], das Herr HASHIGUCHI 1992 veröffentlicht hat:

 

Der Stadtbezirk Prenzlauer Berg war durchweg alt, schön und verfallen. Der wehende Wind trug den Geruch von Kohle vermischt mit Betonpartikeln heran. Wie menschliche Haut blätterten Putz von den Betonwänden ab. An den straßenseitigen Wänden lugten unter frischen Anstrichen deutlich die mit Teer gezeichneten alten Werbetafeln hervor – trotz der Jahrzehnte, die vergangen waren. Allein das Verfolgen der Schriftzüge an den Wänden, die von Lebensmittelgeschäften, Tabakläden und Friseurläden kündeten, hat uns das geschäftige Treiben des Berliner Straßenbildes Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vor Augen geführt. Irgendwann hörten wir auf, Fotos zu schießen; stattdessen vertieften wir uns in die Erstellung einer Stadtkarte der Vorkriegszeit, wobei wir uns lediglich auf die Schriftzüge an den Wänden stützten konnten. An der Wand eines ehemaligen Milchladens entdecken wir die Aufschrift „Brennholz gegen Kartoffelschalen“. Wir erfuhren, dass man damals Milchkühe im Innenhof gehalten und diese mit Kartoffelschalen gefüttert hatte. Als ich mich fragte, warum es in einem einzigen Kiez drei oder vier Friseursalons gab, erklärte mir ein alter Mann, den ich auf der Straße traf, dass früher der Friseur auch Zahnbehandlungen vorgenommen hatte.

Nach dem Vortrag im JDZB habe ich beim anschließenden Empfang Herrn HASHIGUCHI völlig nervös und angespannt angesprochen. Ganz unerwartet sagte er mir: „Können wir uns treffen? Ich möchte Ihnen gerne einen Ort zeigen.“ Bei dem Ort handelte es sich um das Hotel Bogota, in dem Herr HASHIGUCHI regelmäßig zu Gast war. So ähnlich wie die alten Gebäude im Prenzlauer Berg verströmte dieses familiengeführte Hotel, das im Westteil von Berlin nur einen Schritt vom Kurfürstendamm entfernt lag, eine Atmosphäre bedeutender Geschichte, die nur im Laufe einer langen Zeit entstehen konnte. (Leider hat das Hotel Bogota 2013 seine Türen geschlossen.)

Seit jener Zeit bin ich mit Herrn HASHIGUCHI, der normalerweise in Tōkyō lebt, befreundet. Einmal erhielt ich von ihm eine unerwartete Anfrage: Herr HASHIGUCHI hatte 1990 angefangen, Fotos im Prenzlauer Berg und im Bezirk Mitte aufzunehmen. Aus diesen, in etwa zwanzig Jahren geschossenen Fotos, sollte der Fotoband „Hof – Berurin no Kioku“ (Hof – Memories of Berlin) [Iwanami Verlag, 2011] entstehen. Während der Vorbereitung dieses Bandes bat mich Herr HASHIGUCHI einmal in einer E-Mail, die aktuelle Adresse einiger fotografierten Gebäude ausfindig zu machen.

Image
Raumerstraße aus dem Fotoband „Hof – Berurin no Kioku“
Raumerstraße aus dem Fotoband „Hof – Berurin no Kioku“ (Hof – Memories of Berlin) © Hashiguchi George

In zwanzig Jahren hatte sich das Stadtbild im Prenzlauer Bergs stark verändert. Die meisten Gebäude wurden farbenfroh saniert und die Einwohnerstruktur hatte sich ebenfalls stark verändert. Von den Werbetafeln der Vorkriegszeit waren nur noch wenige Spuren vorhanden. Ich schlenderte durch die Straßen und dachte: „Das wird schwierig, die Gebäude ausfindig zu machen.“ Ich kann mich heute noch lebhaft an dem bewegten Moment erinnern, als ich den Altbau mit den markanten von Säulen umrankten Balkone in der Raumerstraße gefunden habe, der haargenau wie das Gebäude auf einem der Fotografien von Herrn HASHIGUCHI aussah.

Im April 2012 traf ich Herrn HASHIGUCHI im Innenhof des Hotels Bogota. Damals erzählte er mir von der Zeit, als er die Fotos im Prenzlauer Berg schoss, die später im o. g. Fotoband „Hof – Berurin no Kioku“ (Hof – Memories of Berlin) zusammengefasst wurden. Das Gespräch ließ mich die Gründe vermuten, weswegen bei manchen Fotos seine Erinnerung an den exakten Ort verblasst war.

 

 

 

Vom Alexanderplatz oder vom Hackeschen Markt beginne ich meine Wanderung. Wenn ich in der Pappelallee (im Prenzlauer Berg) ankomme, bin ich schon fix und alle. Mit mir trage ich ja auch meine Fotoausrüstung. Da fehlt mir die Energie, etwas ausdrücken zu wollen. Dieser Prozess hat sich immer wiederholt. Wäre ich klüger, hätte ich wohl die U-Bahn zur Station Dimitroffstraße (jetzt U-Bahnhof Eberswalder Straße) genommen. Aber das Fotografieren ist eine seltsame Sache – selbst wenn man dieselbe Straße entlangläuft, sieht man an jedem Tag etwas anderes.

Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, wenn ich sage, dass ich diese Bilder mit all meinen fünf Sinnen aufgenommen habe. Normalerweise halten Fotografen das fest, was sie mit ihren Augen sehen. Ich dagegen habe damals beim Gehen bewusst meine Augen geschlossen – so kommt es mir wenigstens vor. Wenn dann mein Körper auf etwas reagierte, im Geruch oder in der Luft eine Veränderung spürte, dann bin ich stehen geblieben.

Image
HASHIGUCHI George beim Interview im
Hashiguchi George beim Interview im Innenhof des Hotel Bogota 2012 © Nakamura Masato

Mittlerweile ist der Ortsteil saniert worden. Viele Geschäfte und Cafés sind entstanden, die alle mehr oder weniger gleich aussehen. Aber damals hatte man einen völlig anderen Geruch wahrgenommen, wenn man von einer Gasse in eine andere einbog. Es roch nach Kohleasche oder nach Rattenscheiße. Im Bezirk Mitte stehen viele historische Gebäude, aber diese finden Sie nicht in meinem Fotoband. Ich habe die Fotos dieser Gebäude nicht „nicht geschossen", sondern mein Körper hat einfach auf diese Gebäude „nicht reagiert“. Wäre ich beispielsweise dem Straßenbild mit meinen Augen und meinem Wissen gefolgt, hätte ich wohl diese historischen Gebäude fotografiert.

Meine Assistentin Frau HOSHINO hat mir immer dabei geholfen. Wenn ich sie fragte: „Wo bin ich jetzt?“, antwortete sie: „Das ist die Straße soundso mit der Hausnummer soundso.“ Worauf ich dann „Okay, danke“ sagte. Ich musste also über nichts nachdenken. Jeden Morgen fragte sie mich: „Wohin möchten Sie heute gehen?" Dann sagte ich: „Hm, da wo ich gestern herumgewandert bin.“ Darauf sagte sie: „Fein, dann nehmen wir die Tram soundso.“ So ähnlich war es damals jeden Tag gewesen.

 

 

 

2012 ist bislang das letzte Jahr, in dem ich Herrn HASHIGUCHI in Berlin getroffen habe. Von Zeit zu Zeit habe ich ihn in Japan getroffen, als ich wieder dort war. Einmal in den Straßen im Ortsteil Kichijōji, ein anderes Mal bei Starbucks im Bahnhof Shibuya. Inmitten der Tōkyōter Hektik lauschte ich seinen Worten, als er von seine aktuellen Arbeit erzählte und ich daraus Hinweise für meine eigene kreative Arbeit gewonnen habe. Dabei verspürte ich den Wunsch, die in der Stadt Berlin innewohnende Erinnerungen auf meine eigene Weise auszugraben und ihnen eine Form zu geben. Meine Orientierung dabei ist der Blick Herr HASHIGUCHIs auf die Straßen und seine Sensibilität für die Geschichte, die durch menschliche Handlungen geprägt wurde.

Porträtfoto Nakamura

NAKAMURA
Masato

Profil der Autorin/des Autors

Geboren in der Stadt Yokosuka in der Präfektur Kanagawa. Abschluss des Literaturstudiums an der Waseda-Universität in Tōkyō. Seit 2000 lebt und arbeitet er in Berlin als freiberuflicher Autor und Journalist. Seine Beiträge über Deutschland, insbesondere über Berlin, erscheinen regelmäßig in „Doitsu News Digest“ (News Digest Deutschland), „Ongaku no Tomo“ (Freunde der Musik), „Sekai“ (Welt), NHK-Lerntextbuch „Tabi suru Doitsugo“ (Deutsch für Reisende) u. a.

Veröffentlichungen
•    „Akiko no Piano – Hibaku wo koete kanadetsugu“ (Akikos Klavier – Spielen jenseits der Strahlenexposition), Iwanami Booklet, 2020
•    „Machiaruki no Doitsugo“ (Deutsch für einen Stadtspaziergang), Sanshū  Verlag, 2011
•    Erweiterte und überarbeitete Ausgabe des Berlinreiseführers „Sugao no Berurin“ (Berlin ungeschminkt), Diamond Verlag, 2009
•    Überarbeitete Ausgabe des Berlinreiseführers „Berlin Guidebook: Aruite Mitsukeru Berurin to Potsudam 13 Eria“ (Berlin Reiseführer: 13 Gebiete in Berlin und Potsdam zu Fuß erkunden), Diamond Verlag, 2019