Brückengänger: Kai WINTER – Vom Brückengänger zum Brückenbauer

Unsere Kollegin MAKINO Hitomi erzählt in diesem Beitrag, wie ein Teilnehmer des Deutsch-Japanischen Austauschprogramms für junge Ehrenamtliche sein eigenes Austauschprogramm mit Japan für die Hamburger Jugendfeuerwehr ins Leben rief.

Anlässlich des 160sten Jubiläums japanisch-deutscher diplomatischer Kontakte stellen wir oder unsere Freunde und Partner auf Initiative von SEKIKAWA Fujiko (Leiterin Sprachendienst JDZB) in dieser Rubrik Menschen aus beiden Ländern vor, die die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern mit Leben erfüllt haben oder noch erfüllen. In einer gemeinschaftlichen Publikation der Japanisch-Deutschen Gesellschaft Tōkyō und des JDZB „Brückenbauer – Pioniere des japanisch-deutschen Kulturaustausches“ (2005, IUDICIUM Verlag) wurden bereits viele Menschen gewürdigt, welche die deutsch-japanischen Beziehungen aktiv gestaltet haben. Hier knüpft diese Rubrik an. Neben berühmten Persönlichkeiten werden auch weniger bekannte Personen vorgestellt. Seien Sie gespannt!

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Kai WINTER ist Anfang 20, als ihm ein Freund begeistert von einem Austauschprogramm nach Japan erzählt, woran dieser teilgenommen hatte. Kai war noch nie in Asien und hat auch keinen speziellen Bezug zu Japan. Aber eine Austauschreise zusammen mit anderen jungen Ehrenamtlichen? Das klang nach einem besonderen Programm.

Spannend findet er die Möglichkeit, intensiv Land und Leute kennenzulernen und sogar ein Wochenende bei einer japanischen Gastfamilie zu verbringen. Als Ehrenamtlicher bei der Jugendfeuerwehr Hamburg hofft er zudem, etwas über den Katastrophenschutz vor Ort zu erfahren, ist doch Japan ein Land, das regelmäßig mit den Folgen von Erdbeben und anderen Naturkatastrophen zu kämpfen hat.

Mit einem Nachweis seines ehrenamtlichen Engagements bei der Jugendfeuerwehr bewirbt sich Kai 2008 erfolgreich für das Deutsch-Japanische Austauschprogramm für junge Ehrenamtliche, eines von drei Austauschprogrammen, welches das JDZB im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchführt. So wird aus Kai ein deutsch-japanischer Brückengänger, und mit seiner Programmteilnahme wird eine wunderbare deutsch-japanische Freundschaft beginnen. Aber das ahnte er natürlich damals noch nicht. 😊

Kai lernen meine Kollegin Nauka und ich im Juli 2008 beim Vorbereitungsseminar der deutschen Delegation im JDZB kennen. Damals wie heute ist Kai ein sympathischer junger Mann, der mit seinen freundlichen dunklen Augen sehr aufmerksam die Situation und die Menschen beobachtet. Ruhig und zurückhaltend wie er ist, kann er aber bei passender Gelegenheit herrlich aufdrehen und mit allen feiern. Neugierig nimmt er die Infos zu Japan und zum Programm auf, die während des Seminars vermittelt werden.

September 2008: JAPAN! Für Kai ist der Aufenthalt und der Austausch wunderbar und inspirierend. Seine japanische Gastfamilie in Nara organisiert ihm sogar einen Besuch bei einer Berufsfeuerwehr! Am vorletzten Tag des Programms ist die Delegation in Ōsaka, und sie können einen halben Tag lang die Stadt selbstständig erkunden. Für Kai ist dies perfekt, denn seit 1989 gibt es zwischen seiner Heimatstadt Hamburg und Ōsaka eine Städtepartnerschaft. Als engagierter Hamburger Feuerwehrmann will er unbedingt eine Feuerwehr in Ōsaka besuchen.

Vor Reiseantritt hat er daher recherchiert: „Ich habe im Internet eine japanische Seite gefunden, worauf ein Feuerwehrwagen zu sehen war, habe japanische Textteile mit Google-Translater übersetzt und dann auf gut Glück eine Mail auf Englisch gemailt, so in der Art ‚Hallo, here ist Kai, I want to visit you!’ Und sie haben mir tatsächlich auf Englisch geantwortet!“ So organisiert Kai seinen Besuch der Hafenfeuerwehrstation in Ōsaka.

Er lässt sich von Kuniko, eine japanische Alumna des Austauschprogramms und eine der Organisatorinnen und Organisatoren des Aufenthalts in Ōsaka, auf Englisch genau erklären, wie er zur Hafenfeuerwehr kommt. Kuniko ist etwas besorgt, ob denn Kai ohne Orts- und Sprachkenntnisse dorthin findet. Kai aber geht munter los. Zum ersten Mal ganz alleine unterwegs in einer japanischen Stadt, was für ein Abenteuer! Bei der Hafenfeuerwehrstation wird er von Kōichi, einem Feuerwehrmann mit sehr guten Englischkenntnissen, empfangen und durch die Station geführt. Das Gespräch über die Feuerwehren beider Länder ist lebhaft; dabei erfährt Kai, dass es in Ōsaka keine Jugendfeuerwehr gibt, so wie er es aus Deutschland kennt.

Abends zurück in der Unterkunft gibt es einen Abschiedsabend mit den japanischen Programmorganisatoren und der deutschen Delegation. Kuniko fragt Kai nach seinem Besuch bei der Hafenfeuerwehr und so kommen beide erneut ins Gespräch. Und verstehen sich so gut, dass sie sich auch nach Kais Rückkehr nach Deutschland regelmäßig austauschen. Auch mit Kōichi, dem Feuerwehrmann, hält er den Kontakt.

2009 fliegt Kai, nunmehr alleine, erneut nach Japan, mit Ziel Ōsaka. „Ich hatte die deutsch-japanische Sprachfibel der Deutschen Sportjugend, die wir damals 2008 von Euch beim Vorbereitungsseminar bekommen haben, dabei und Eure Hinweise im Kopf, worauf man im japanischen Alltag achten sollte. Damit fühlte ich mich schon mal ganz gut ausgerüstet für die Reise.“ In Ōsaka besucht er Kōichi und dessen Familie. Auch trifft er Kuniko wieder, um mit ihr über die Möglichkeit eines Austauschs zwischen Jugendlichen aus Ōsaka und der Jugendfeuerwehr Hamburg zu besprechen, eine Idee, die ihn seit seinem Japanaufenthalt 2008 beschäftigt.

Kuniko ist von der Idee begeistert! So beginnen beide sofort mit der Planung. Kai kann Marion, eine Kameradin bei der Jugendfeuerwehr Hamburg, ebenfalls für das Austauschprojekt gewinnen. Gemeinsam stellen sie das Organisationsteam auf Hamburger Seite. Für Ōsaka übernehmen Kuniko und ihre Organisation, bei der sie sich engagiert, die Ōsaka Youth International Exchange Federation, die Programmverantwortung. Aus dem Brückengänger Kai wird nun der Brückenbauer Kai!

Thema des Austauschs ist u. a. der Katastrophenschutz, ein Thema, womit sich auch die Jugendfeuerwehr Hamburg beschäftigt: „Zielgruppe in Japan sind Schülerinnen und Schüler, die sich für Deutschland interessieren, aber auch für den Katastrophenschutz. Auf deutscher Seite können sich junge Ehrenamtliche der Jugendfeuerwehren in Hamburg bewerben.“ Durch den Austausch sollen zudem die Jugendlichen beider Länder motiviert werden, möglichst auf Englisch direkt miteinander zu kommunizieren.

Schon 2010 ist es soweit: Kuniko und eine Gruppe von 11 Schülerinnen und Schülern aus Ōsaka besuchen für sechs Tage die Jugendfeuerwehr Hamburg! Sie werden u. a. im Hamburger Rathaus empfangen, beteiligen sich an Aktivitäten der Jugendfeuerwehr, fahren nach Berlin und sind bei Familien der Jugendfeuerwehr-Ehrenamtlichen untergebracht: „Bei der Programmgestaltung haben wir uns sehr vom Programm des JDZB inspirieren lassen.“ Ein Besuch der KZ-Gedenkstätte Neuengamme ist ebenfalls ein wichtiger Programmpunkt: „Die jungen Japanerinnen und Japaner sind sehr daran interessiert zu sehen, wie Deutschland mit seiner Kriegsvergangenheit umgeht.“

2011 schlägt das JDZB u. a. Kai wegen seines deutsch-japanischen Engagements für den „Deutsch-Japanischen Freundschaftspreis“ vor, welches im Rahmen des Jubiläumsjahrs „150 Jahre Deutsch-Japanische Freundschaft“, vergeben wird und er gehört zu den 61 deutschen Preisträgerinnen und Preisträgern! Der für 2011 geplante Gegenbesuch der Jugendfeuerwehr Hamburg nach Japan muss wegen des Großen Ostjapanischen Erdbebens vom 11. März ins Folgejahr verschoben werden.

2012 können Kai, Marion und acht weitere junge Ehrenamtliche der Jugendfeuerwehr Hamburg endlich den Gegenbesuch antreten! Beim Austausch mit japanischen Jugendlichen und einem Gastfamilienaufenthalt informieren sie sich zu Themen wie Erbeben, Tsunami, Deichschutz sowie Evakuierungen im Ernstfall.

Seit nunmehr 11 Jahren ist der Jugendaustausch zwischen Hamburg und Ōsaka ein fester Bestandteil der Städtepartnerschaft beider Städte und wird auch während der weltweiten COVID-19-Pandemie durch Online-Formate erfolgreich fortgesetzt, so auch in 2021: „Es war wirklich ein großes Glück, dass ich damals 2008 am Austauschprogramm für junge Ehrenamtliche teilgenommen und dabei Kuniko kennengelernt habe! Trotz der Entfernung haben wir so eine tolle Freundschaft. Seit diesem Jahr besprechen wir uns einmal im Monat per Zoom. Die gemeinsame Programmplanung macht so viel Freude und Kuniko und ihr Team sind auch mit so viel Herzblut dabei!!“

 


 

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                        HORI Kuniko und Kai WINTER

 

Auch zwischen den Jugendlichen aus Hamburg und Ōsaka sind mittlerweile langjährige Freundschaften entstanden, worüber Kai besonders glücklich ist: „Wenn ich sehe, welche nachhaltigen deutsch-japanischen Freundschaften durch den Austausch entstehen, da geht mir das Herz auf! Der Austausch ermöglicht einzigartige Freundschaften! Und ich hoffe, dass diese Freundschaften dazu beitragen, unsere Welt ein wenig friedlicher zu machen.“

Über Kai WINTER – Brückengänger und Brückenbauer
Als gebürtiger Hamburger lebt und arbeitet er in Hamburg. Im Alter vom 11 Jahren Eintritt in die Jugendfeuerwehr Hamburg-Pöseldorf. Seit 2019 Landesjugendfeuerwehrwart. Seit 2010 gehört er zum Orgateam der Jugendfeuerwehr Hamburg, die gemeinsam mit der Ōsaka Youth International Exchange Federation und Frau HORI Kuniko einen Jugendaustausch durchführt.

Kai findet, dass es im Austausch mit Japan ein Vorteil ist, Hamburger zu sein, denn „die hanseatische Zurückhaltung kommt den Japanerinnen und Japanern offensichtlich sehr entgegen, weil wir ihnen nicht gleich um den Hals fallen. Ich glaube, da gibt es eine Wesensähnlichkeit 😊“.

 

Hito_Elch

 

Über die Autorin: MAKINO Hitomi – Brückengängerin

Geboren in Tōkyō, aufgewachsen in Rendsburg und Oldenburg
(in Oldenburg), arbeitet seit 2000 in der Abteilung für den Deutsch-Japanischen Jugendaustausch im JDZB. Sie liebt ❤️ ihre Arbeit sehr.

Coverbild: Jugendfeuerwehr Hamburg in Ôsaka

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