Brückengängerinnen: Auch Krisen machen den deutsch-japanischen Austausch stärker

Endlich nach Japan! Für viele junge Erwachsene in Deutschland ein großer Traum. Neben dem Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin (JDZB) führt auch die Deutsch-Japanische Jugendgesellschaft e. V. (DJJG) Austauschprogramme durch. Diese werden zu 100 Prozent ehrenamtlich getragen, finden jährlich im Wechsel in Deutschland und Japan statt und richten sich an 18- bis 30jährige.

Anlässlich des 160sten Jubiläums japanisch-deutscher diplomatischer Kontakte stellen wir – und auch unsere Freunde und Partner – in der Rubrik „Brückengängerinnen und Brückengänger“ Menschen aus beiden Ländern vor, die die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern mit Leben erfüllt haben oder noch erfüllen. In einer gemeinschaftlichen Publikation der Japanisch-Deutschen Gesellschaft Tōkyō und des JDZB „Brückenbauer – Pioniere des japanisch-deutschen Kulturaustausches“ (2005, IUDICIUM Verlag) wurden bereits viele Menschen gewürdigt, welche die deutsch-japanischen Beziehungen aktiv gestaltet haben. Hier knüpft diese Rubrik an, die wir auf Initiative von SEKIKAWA Fujiko (Leiterin Sprachendienst JDZB) gestartet haben.

Wir, das sind Ariane Herold, 2006 Gründungsmitglied der DJJG, von 2012 bis 2018 Vorsitzende und Mitwirkende an zahlreichen Austauschprogrammen des Vereins und Pauline Böhm, derzeitige Vorsitzende der DJJG, tauschen uns in diesem Gespräch abwechselnd über unser Engagement, zukünftige Schwerpunkte sowie über die Herausforderungen unserer Arbeit für den deutsch-japanischen Jugendaustausch aus.

Pauline: Ariane, was war deine Motivation, dich ehrenamtlich für den deutsch-japanischen Austausch zu engagieren?

Ariane: Ich habe selbst am „Hallo Japan“-Programm des Verbands der Deutsch-Japanischen Gesellschaften e. V. (VDJG) teilgenommen und war gleich begeistert, wie viele Menschen aus beiden Ländern ich dadurch kennengelernt habe, wie das Interesse an Japan noch weiter steigt und man sogar sprachlich innerhalb kurzer Zeit Fortschritte macht. Das hat mich motiviert, mich für ein Auslandsjahr in Japan zu bewerben. Als ich dann erfahren habe, dass das Programm künftig von einem eigenen Verein organisiert werden soll, wollte ich dabei sein. So etwas muss doch fortgeführt werden. 

Ariane: War das bei dir ähnlich, Pauline?

Pauline: Auch mein Engagement begann 2013 mit der Teilnahme am Deutsch-Japanischen Youth Summit/Hallo Deutschland der DJJG. Dass mir die anderen Teilnehmenden innerhalb nur weniger Tage so ans Herz gewachsen sind, hat mich sehr berührt. Mir war gleich klar: Hier möchte ich bleiben. So eine Erfahrung möchte ich auch anderen ermöglichen.

Pauline: Wie hast du es geschafft, in deiner Freizeit Austauschprogramme zu organisieren?

Ariane: Zum Glück war ich immer in einem tollen Team, so dass wir uns die Aufgaben aufteilen konnten. Wir haben sehr davon profitiert, dass jeder andere Fähigkeiten mit eingebracht hat und wir auch mit der Zeit dazugelernt haben. Organisationsgeschick, kommunikative, interkulturelle und sprachliche Fähigkeiten, Finanzverständnis, die Geduld, sich mit Regelungen herumzuschlagen, ein Team zusammenhalten und motivieren... Die Liste ist lang und ein Jahr zur Vorbereitung ist zwar lang, aber vergeht dann doch wieder schnell.

Von Anfang an haben wir die Möglichkeiten der digitalen Zusammenarbeit ausprobiert und Social Media als Werbe- und Austauschplattformen genutzt. Wir haben uns jede Woche getroffen – immer online und nur selten face to face. Das hat super geklappt und hat jungen Menschen in Deutschland und Japan die Möglichkeit gegeben, sich zu engagieren.

Ariane: 2020 und 2021 konnte die DJJG aufgrund der weltweiten Pandemie keine normalen Austauschprogramme durchführen. Wie gehst du mit dieser Herausforderung um?

Pauline: Anfang 2020 waren wir mitten in den Vorbereitungen für „Hallo Japan 2020“. Schweren Herzens mussten wir das Programm schließlich absagen. Nach dem ersten Schock dachten wir: Gerade jetzt ist es doch hilfreich, Perspektiven aus Deutschland und Japan auszutauschen. Schnell hat sich ein Team zusammengefunden und den ersten Digitalen Deutsch-Japanischen Youth Summit zum Thema „Die Pandemie und Wir“ veranstaltet. Die Resonanz war überwältigend. Dass auch ohne Pandemie das Interesse an einem reinen Online-Austausch so hoch gewesen wäre, kann ich mir kaum vorstellen. Dieses Jahr wollen wir ein ähnliches Format versuchen. Die Arbeit unseres Organisationsteams hat sich zwar kaum verändert – wir arbeiten bereits seit Ende 2017 mit Microsoft Teams. Dass die wenigen persönlichen Treffen wegfallen, dämpft allerdings zunehmend die Motivation. Ich hoffe, dass die digitalen Angebote nicht nur unser Team, sondern auch die Teilnehmenden motivieren können, sich für künftige Programme zu engagieren.

Pauline: Hattet ihr 2011 und 2012 durch Erdbeben, Tsunami, Reaktorkatastrophe eine ähnliche Situation?

Ariane: Die deutsche Medienberichterstattung über Japan war 2011 sehr kritisch und die Reaktor-Katastrophe stand im Fokus. Unser Austausch hatte zunächst keine Perspektive. 2012 habe ich eine Freundin in Japan besucht und wir sind gemeinsam die vom Tsunami betroffene Küste abgefahren. Ständig zeigte uns das Navi Straßen an, die es nicht mehr gab. Überall lag noch Schutt und viele Menschen lebten noch in Behelfswohnungen. Für uns im Verein war klar: Das ist auch ein Thema für den Jugendaustausch – genauso wie das Thema Atomenergie. Gerade in solchen Krisen braucht es unterschiedliche Perspektiven und starke Freundschaften. Wir haben daher 2013, nach drei Jahren Pause, die Programme wiederaufgenommen – die absolut richtige Entscheidung.

Ariane: Wie wirst du die Schwerpunkte nach dem hoffentlich baldigen Ende der Pandemie setzen?

Pauline: Ich beobachte, dass sich unsere Teams in Deutschland und Japan ähnliche Fragen stellen – nach gesellschaftlichem Zusammenhalt, Nachhaltigkeit und individueller Zufriedenheit. Kurz: Wie wollen wir in Zukunft leben? Ich hoffe, dass wir neben solch spannenden Themen auch stärkere Alumni-Strukturen anbieten können.

Pauline: Zum Abschluss, was ist aus deiner Sicht das Erfolgsrezept für einen gelungenen Jugendaustausch, Ariane?

Ariane: Aus meiner Sicht braucht es gar nicht viel für einen gelungenen Austausch. Es ist wichtig, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle zuhause fühlen. Sowohl in Deutschland als auch in Japan gibt es dafür hilfreiche Rituale – Karaoke ist dabei schon mal ganz wichtig. 😊

Wenn die Gruppen gemeinsam die Tage verbringen und sich mit der Sprache etc. unterstützen, entsteht automatisch eine große Verbundenheit. Die Inhalte oder die eine oder andere sprachliche Formulierung schnappt man dann so nebenbei auf. Wer gemeinsame Ziele verfolgt, lernt sich am besten kennen. Deswegen haben wir mit den Hallo-Programmen und den Youth Summits aus meiner Sicht gute Formate geschaffen.

Über die Autorinnen, Gesprächspartnerinnen und Brückengängerinnen

Pauline Böhm, Jahrgang 1994, Studium Wissenschaftskommunikation und Japanologie in Berlin, Tōkyō und derzeit Karlsruhe.
Ariane Herold, Jahrgang 1982, Studium Politik Ostasiens in Bochum und Tōkyō, Projektmanagerin beim Rundfunk Berlin-Brandenburg.

Blog Foto Herols Boehm
Dieser Beitrag wurde von der Kollegin Makino Hitomi vermittelt, die in der Abteilung für den deutsch-japanischen Jugendaustausch im JDZB arbeitet. Das Engagement der jungen Ehrenamtlichen des DJJG für den deutsch-japanischen Austausch findet sie großartig!

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