Staatssekretär Miguel BERGER: 160 Jahre deutsch-japanische Freundschaft

Zwischen Tōkyō und Berlin liegen mehr als 8.000 Kilometer – trotzdem gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen Japan und Deutschland. Anlässlich des Jubiläums reflektiert der Staatssekretär des Auswärtigen Amts Miguel Berger, welcher auch Mitglied des Gesamtvorstandes des JDZB ist, über die Beziehungen zwischen den beiden Ländern.


Als Staatssekretär des Auswärtigen Amts und Mitglied des Gesamtvorstands des JDZB freue ich mich ganz besonders, dass Deutschland und Japan in diesem Jahr das 160. Jubiläum ihrer diplomatischen Beziehungen begehen. Der Ausgangspunkt der langen und freundschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Län- dern ist der Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag von Preußen mit Japan vom 24. Januar 1861. Als im Rahmen eines ersten Austausches 1862 eine japanische Delegation, die sogenannte Takenouchi-Mission, Berlin besuchte und in traditioneller Kleidung, mit zwei Schwertern im Gürtel durch die Straßen Berlins zog, sorgte das für großes Staunen und Interesse der Berliner Bevölkerung.

Heute hat diese anfängliche Exotik, mit der man sich gegenseitig betrachtete, engen, intensiven und vertrauensvollen Beziehungen Platz gemacht. So schauen wir stolz auf eine Tradition von 160 Jahren Zusammenarbeit und Austausch in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, Kunst und Kultur, Medizin und Philosophie. Trotz der großen geographischen Entfernung – zwischen Tōkyō und Berlin liegen mehr als
8.000 Kilometer –, gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Japan, die ein stabiles Fundament unserer Beziehungen bilden. Japan und Deutschland haben sich nach den Zerstörungen und Verwerfungen des Zweiten Weltkrieges zu stabilen Demokratien und fortschrittlichen Industriegesellschaften entwickelt. Wir streben nach einer Welt, die auf demokratischen Werten basiert, und einem freien und regelbasierten Wirtschaftsaustausch verpflichtet ist; einer Welt, auf der die Völker friedlich zusammenleben und die sich auf funktionierende multilaterale Strukturen, allen voran die Vereinten Nationen, stützen kann.
Auch auf zivilgesellschaftlicher Ebene besteht ein breiter Austausch zwischen unseren Ländern: In rund 100 Deutsch-Japanischen und Japanisch-Deutschen Gesellschaften diskutieren Bürgerinnen und Bürger unserer Länder aktuelle Herausforderungen. Dazu gibt es 56 Städtepartnerschaften, die Menschen aus Frankfurt am Main und Yokohama, aus Lübeck und Kawasaki, aus Köln und Kyōto zusammenbringen. Durch über 1.600 Kooperationsabkommen im Hochschulbereich können deutsche und japanische Studierende Einblicke in das jeweilige andere Land und Universitätssystem erhalten.

Stabile und langanhaltende gute bilaterale Beziehungen mögen mitunter einer Ehe kurz vor der goldenen Hochzeit gleichen. Wie in einer guten Ehe, so muss auch eine Beziehung zwischen Staaten gepflegt und mit immer wieder neuen Impulsen bereichert werden, wenn diese ihren Wert behalten soll. Diese Beziehungspflege ist umso wichtiger, stehen unsere Länder in einer zunehmend globalisierten Welt doch vor ähnlichen Herausforderungen. Allen voran denke ich an den demografischen Wandel, die niedrigen Geburtenraten, und unsere immer älter werdenden Gesellschaften mit den daraus notwendig werdenden Reformanstrengungen für die sozialen Systeme. Auch die Digitalisierung, Cybersicherheit, Klima- und Umweltschutz sowie eine nachhaltige Energiepolitik bei Aufrechterhaltung der sehr hohen Lebensstandards in unseren Ländern, sind Themen, bei denen die dritt- und die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt viel voneinander lernen können. So wurde beim EU-Japan-Gipfel am 27. Mai zwischen den EU-Vertretern und dem japanischen Premierminister Suga eine „Grüne Allianz“ vereinbart, um den Kampf gegen den Klimawandel voranzutreiben.
Nicht zuletzt beschäftigt unsere beiden Länder natürlich auch die Bewältigung der Corona-Pandemie. Was können wir nach über einem Jahr Pandemie voneinander lernen? Wie kann es uns gelingen, die junge Generation trotz Pandemie bestmöglich auf die Zukunft vorzubereiten?

Auf der internationalen Bühne – im Indo-Pazifik und vor unserer eigenen Tür in Europa – nehmen außen- und sicherheitspolitische Herausforderungen zu. In Zeiten steigender strategischer Rivalitäten geraten internationale Regeln und Normen immer stärker unter Druck. Immer häufiger wird die Stärke des Rechts mit dem Recht des Stärkeren beantwortet, unilaterale und protektionistische Tendenzen nehmen zu. Wie kann es uns also gelingen, auf dem internationalen Parkett für eine regelbasierte Weltordnung einzutreten?
Die Bundesregierung hat im September 2020 die Indo-Pazifik-Leitlinien verabschiedet, deren Ziel es ist, die Beziehungen zu den Partnern im Indo-Pazifik zu stärken und neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu erschließen. Denn im Indo-Pazifik entscheidet sich in hohem Maße die internationale Ordnung von morgen. Steht uns eine neue Blockbildung bevor? Bleibt die Region offen für alle? Welche gesellschaftlichen Modelle setzen sich durch: Demokratie oder Autoritarismus, Rechtsstaat oder staatliche Willkür? Deutschland bekennt sich zu einem regelbasierten, inklusiven Indo-Pazifik, da er die beste Gewähr sowohl gegen hegemoniale Vereinnahmung als auch gegen eine neue Blockkonfrontation bietet.

Angesichts dieses Spannungsfelds ist es unerlässlich, dass wir den Dialog mit unseren Wertepartnern, allen voran mit Japan, intensivieren. Wir wollen uns auch sicherheitspolitisch stärker in der Region engagieren. Die Außen- und Verteidigungsminister unserer Länder, Bundesaußenminister Heiko MAAS und sein japanischer Kollege MOTEGI Toshimitsu, Bundesverteidigungsministerin Annegret KRAMP-KARRENBAUER und ihr japanischer Kollege KISHI Nobuo haben im April dieses Jahres erstmals gemeinsam konsultiert. Im Sommer werden wir für sechs Monate eine Fregatte der Deutschen Marine in den Indo-Pazifik entsenden, um uns für die regelbasierte Ordnung und – im Zuge der Sanktionsüberwachung Nordkorea – insbesondere für nukleare Nichtverbreitung einzusetzen. Es ist dringend geboten, den Austausch auf allen Ebenen trotz und gerade wegen der Covid-19-Pandemie, die unser aller Alltag in den letzten Monaten maßgeblich bestimmt hat, auszubauen.

Dem JDZB kommt in dieser Hinsicht ein besonderer Stellenwert zu, ist es doch ein wesentlicher Ort für den Austausch und die deutsch-japanische Zusammenarbeit geworden. Seit seiner Gründung 1985 auf Initiative von Bundeskanzler Helmut KOHL und Premierminister NAKASONE Yasuhiro hat das JDZB die deutsch-japanische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und der Kultur vertieft und ihr eine neue, herausragende intellektuelle Dimension gegeben. Das diesjährige Deutsch-Japanische Forum, das Ende Mai stattfand und Themen wie den Neustart in den Beziehungen mit den USA, deutsche und japanische Strategien im Indo-Pazifik und Lehren aus der Corona- Pandemie diskutierte, ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich das JDZB dabei nicht nur auf bilaterale Themen beschränkt, sondern die deutsch-japanischen Beziehungen auch in einen globalen Kontext stellt. So trägt das JDZB mit zahlreichen Veranstaltungsformaten – ob physisch in Berlin, Tōkyō oder virtuell vom heimischen Schreibtisch – dazu bei, dass Menschen aus Deutschland und Japan miteinander im Gespräch bleiben und über die drängenden Fragen unserer Zeit miteinander diskutieren.

Im 36. Jahr seines Bestehens stellt sich das JDZB nun als maßgebliches Repräsentations- und Begegnungszentrum für Aktivitäten mit deutsch-japanischem Bezug runderneuert auf. Eine Website im neuen Design, neue Geschäftsmodelle und Partnerschaften, konzeptuelle und organisatorische Planungen für ein „JDZB der Zukunft“, um nur einige der Neuerungen aufzuzählen. Ich wünsche der Generalsekretärin Dr. Julia MÜNCH und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des JDZB für diesen Reformprozess viel Erfolg und bedanke mich für ihren unermüdlichen Einsatz. Dass das JDZB in den letzten drei Jahrzehnten trotz allen Wandels seinen Ruf als die Anlaufstelle für alle Fragen zu den deutsch-japanischen Beziehungen beibehalten konnte, ist seinen hochmotivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus Japan und Deutschland zu verdanken. Ich wünsche dem JDZB viel Erfolg für die Zukunft, auf dass Sie auch in den nächsten Jahren die deutsch-japanischen Beziehungen so signifikant begleiten und prägen können!

Miguel BERGER, Staatssekretär des Auswärtigen Amts

Text aus der Ausgabe des jdzb echo Nr. 135, Juni 2021

Bildrechte: Auswärtiges Amt

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