Brückengänger: KOENUMA Nobutsugu – Arzt und Ehrenbürger von Wriezen

Anlässlich des 160sten Jubiläums japanisch-deutscher diplomatischer Kontakte stellen wir oder unsere Freunde und Partner auf Initiative von SEKIKAWA Fujiko (Leiterin Sprachendienst JDZB) in dieser Rubrik Menschen aus beiden Ländern vor, die die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern mit Leben erfüllt haben oder noch erfüllen. In einer gemeinschaftlichen Publikation der Japanisch-Deutschen Gesellschaft Tōkyō und des JDZB „Brückenbauer – Pioniere des japanisch-deutschen Kulturaustausches“ (2005, IUDICIUM Verlag) wurden bereits viele Menschen gewürdigt, welche die deutsch-japanischen Beziehungen aktiv gestaltet haben. Hier knüpft diese Rubrik an. Neben berühmten Persönlichkeiten werden auch weniger bekannte Personen vorgestellt. Seien Sie gespannt!

Dr. KOENUMA
KOENUMA Nobutsugu
© Stiftung Oderbruch

Warum gibt es partnerschaftliche Beziehungen zwischen der kleinen Stadt Wriezen (Einwohnerzahl: ca. 7.600, 60 km östlich von Berlin gelegen), mit der ungleich größeren Stadt Hachiōji (Einwohnerzahl: ca. 578.000, westlich der japanischen Hauptstadt)? Verbunden sind die beiden Städte durch das Schicksal des japanischen Arztes KOENUMA Nobutsugu. Geboren 1908 in Hachiōji, kam er als Regierungsstipendiat 1937 nach Deutschland und verstarb 1946 in Wriezen. In den ersten Jahren seines Aufenthalts in Deutschland forschte er an der Humboldt Universität zu Berlin und schrieb an seiner Doktorarbeit.

Coverbild: Rathaus von Wriezen, in dem KOENUMA nach dem Krieg die Seuchenstation leitete, und KOENUMA-Denkmal © Stadt Wriezen

Als das Deutsche Reich 1945 kurz vor der Kapitulation stand, empfahl die japanische Botschaft ihren Landsleuten, in die Heimat zurückzukehren. KOENUMA entschied sich aber – auch aufgrund einer Liebesbeziehung zu einer deutschen Frau – in der Nähe von Berlin zu bleiben. Nach mehreren Umwegen gelangte er schließlich nach Wriezen, eröffnete im jetzigen Rathaus eine Krankenstation und behandelte dort unter schwierigsten materiellen Bedingungen und unter Einsatz seines Lebens zahllose Seuchenkranke, die über die Oder nach Wriezen kamen. Infolge seiner Arbeit erkrankte er selbst an Typhusfieber, woran er am 8. März 1946 verstarb. Die Krankenschwestern, mit denen KOENUMA zusammengearbeitet hatte, kümmerten sich 1950 darum, dass der Arzt einen ordentlichen Grabstein bekam und dass die Grabstelle seither gepflegt wurde. 1994 wurde der japanische Arzt posthum zum Ehrenbürger Wriezens ernannt; seit dieser Zeit kommt die Stadt für den Erhalt des Grabes auf, das inzwischen fast zu einer Pilgerstätte für japanische Touristen geworden ist. Den Grabstein ziert ein Äskulapstab als Symbol der Ärzte; er ist gesäumt von zwei Bambusbüschen und einer Stele mit der Aufschrift „In selbstlosen Einsatz bei der Seuchenbekämpfung gab er sein Leben“.

 Jährliches Gedenken am Grab am 8. März 2018

Jährliches Gedenken am Grab am 8. März 2018 © K. S. Schmidt

Johanna FIEDLER

Johanna FIEDLER, ehemalige Mitarbeiterin von KOENUMA, mit dem Bürgermeister von Wriezen, Karsten ILM, 2018 © K. S. Schmidt

 

Dr. KOENUMA Komitee

Gedenkstein für Dr. KOENUMA © Dr. KOENUMA Komitee

 

Für seine Familie galt KOENUMA lange Zeit als verschollen, da es nach seiner letzten Meldung in der japanischen Botschaft Ende 1944 kein Lebenszeichen mehr von ihm gab. Erst durch die Veröffentlichung einer Meldung in einer japanischen Tageszeitung Anfang der neunziger Jahre erfuhr sein jüngerer Bruder etwas über das Schicksal seines Verwandten und reiste 1994, inzwischen hochbetagt, nach Wriezen, um am Grab seinem Bruder die letzte Ehre zu erweisen – eine sehr emotionale Begegnung.

Seit Beginn der neunziger Jahre gibt es zahllose Kontakte zwischen den Menschen in Hachiōji und Wriezen, die mit dem Abschluss einer „Freundschaftsvereinbarung“ zwischen den beiden Städten am 10. Juli 2017 besiegelt wurden. Das Johanniter-Gymnasium hat eine Partnerschule in Hachiōji, auf dem Wriezener Schützenplatz steht ein von dem japanischen Künstler YOKOO Tatsuhiko (1928-2015) und dem deutschen Bildhauer Axel ANKLAM (* 1971 in Wriezen) geschaffenes Denkmal des Arztes, im Oderbruch findet jährlich ein nach dem japanischen Arzt benanntes Beach-Volleyball-Turnier statt, japanische Kirschbäume aus Hachiōji sind überall in der Stadt zu finden, und zurzeit berät der Stadtrat darüber, eine Straße in Wriezen nach dem japanischen Arzt zu benennen.

Aber am wichtigsten sind die persönlichen Kontakte zwischen den Bürgerinnen und Bürgern. Ich selbst kam als Dolmetscherin mit einem japanischen Journalisten bereits 1992 das erste Mal nach Wriezen und konnte damals noch mit den beiden Krankenschwestern, die mit Dr. KOENUMA auf der Typhusstation zusammengearbeitet hatten, sprechen und ihre persönlichen Eindrücke und Erinnerungen an den Arzt teilen. Außerdem hatte ich zweimal die Freude, eine Schülergruppe der Hachiōji-Highschool in Wriezen zu begleiten, und gemeinsam mit dem damaligen Bürgermeister von Wriezen, Herrn Uwe SIEBERT, und einer Delegation des Stadtrates an den Feierlichkeiten zum 100. Jubiläums in Hachiōji teilzunehmen. Bei dieser Gelegenheit besuchten wir auch den Gedenkstein für Dr. KOENUMA, der durch die Spenden des sehr aktiven „Dr. KOENUMA Komitees“ finanziert und kurz zuvor am Eingang der Fußgängerzone von Hachiōji aufgestellt worden war.

Schülerinnen und Schüler mit ihren Gastfamilien
Schülerinnen und Schüler mit ihren Gastfamilien vor dem Bahnhof in Wriezen © K. S. Schmidt

 

Mit dem damaligen Direktor des Johanniter-Gymnasiums Michael TIEDJE zu Besuch in der Botschaft von Japan in Berlin, August 2016
Mit dem damaligen Direktor des Johanniter-Gymnasiums, Michael TIEDJE, zu Besuch in der Botschaft von Japan in Berlin, August 2016 
© K. S. Schmidt

 

Der Schüler-Austausch zwischen beiden Städten wurde unterstützt durch den „TAKENOKO-FONDS für den deutsch-japanischen Schüleraustausch“ (von 2005 bis 2013 verwaltet vom Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin). Gerade für diesen Frühsommer war wieder ein Besuch von Bürgerinnen und Bürgern aus Hachiōji in Wriezen mit der Teilnahme an traditionellen „Deichfest“ geplant, der aber jetzt aufgrund der Pandemie schon zum zweiten Mal verschoben werden musste.

Über Dr. KOENUMA gibt es inzwischen eine ausführliche Dokumentation von KAWANISHI Shigetada, mehrere Kinderbücher in japanischer Sprache, einen Dokumentarfilm und zahlreiche Artikel in den verschiedensten Zeitschriften, er ist also auch in seiner Heimat kein Unbekannter mehr. Er ist posthum zum Brückenbauer zwischen den Bürgerinnen und Bürgern von Hachiōji und Wriezen geworden.

Über die Autorin: Katrin-Susanne SCHMIDT – Brückengängerin
Katrin-Susanne Schmidt ist seit 2003 Geschäftsführerin der Deutsch-Japanischen Gesellschaft (DJG) Berlin. Als Dolmetscherin hat sie seit Beginn der neunziger Jahre Delegationen in Wriezen und Hachiōji begleitet, den Schüleraustausch unterstützt und dabei auch viele persönliche Freund­schaften zu den Bürgerinnen und Bürgern dieser Städte geschlossen.

Diesen Beitrag hat Frau SCHMIDT freundlicherweise auf Anfrage von Frau SEKIKAWA verfasst. Mit der DJG Berlin pflegt das JDZB seit seiner Gründung einen intensiven Austausch. Das JDZB dankt Frau SCHMIDT für die langjährige Zusammenarbeit und insbesondere für diesen lebendigen Beitrag!

 

Die Autorin mit dem damaligen Bürgermeister von Wriezen Uwe SIEBERT, Stadtrat Wolfgang SKOR, Nils NESTLER und den Mitgliedern des Dr. KOENUMA Komitees

Die Autorin mit dem damaligen Bürgermeister von Wriezen Uwe Siebert, Stadtrat Wolfgang Skor, Nils Nestler und den Mitgliedern des Dr. KOENUMA Komitees vor dem Gedenkstein für
Dr. KOENUMA im Oktober 2017 in Hachiōji © Nestler

Die Autorin beim Treffen mit dem Dr. Komitee in Hachioji

Die Autorin beim Treffen mit dem Dr. KOENUMA Komitee in Hachiōji, Oktober 2019 © Dr. KOENUMA Komitee

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