Brückengänger: Roger GOEPPER ― ehemaliger Direktor des Museums für Ostasiatische Kunst in Köln

Wer kann sich noch an die große Hokusai-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau 2011 erinnern? Unser damaliger Stellvertretender Generalsekretär Herr SHIMIZU Yōichi und seine Assistentin Frau KIRIZUKI Emi hatten bei der Organisation der Ausstellung Großartiges geleistet. Auch dieser Beitrag, in dem Herr SHIMIZU einen „einzigartigen Kenner und Fürsprecher der japanischen Kunst“ vorstellt, ist in Zusammenareit der beiden enstanden.

Anlässlich des 160sten Jubiläums japanisch-deutscher diplomatischer Kontakte stellen wir – und auch unsere Freunde und Partner – in der Rubrik „Brückengängerinnen und Brückengänger“ Menschen aus beiden Ländern vor, die die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern mit Leben erfüllt haben oder noch erfüllen. In einer gemeinschaftlichen Publikation der Japanisch-Deutschen Gesellschaft Tōkyō und des JDZB „Brückenbauer – Pioniere des japanisch-deutschen Kulturaustausches“ (2005, IUDICIUM Verlag) wurden bereits viele Menschen gewürdigt, welche die deutsch-japanischen Beziehungen aktiv gestaltet haben. Hier knüpft diese Rubrik an, die wir auf Initiative von SEKIKAWA Fujiko (Leiterin Sprachendienst JDZB) gestartet haben. Neben berühmten Persönlichkeiten werden auch weniger bekannte Personen vorgestellt. Seien Sie gespannt!

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Als das Japanisch-Deutsche Zentrum Berlin (JDZB) mich um einen Beitrag über Menschen bat, die sich um die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Japan und Deutschland verdient gemacht haben, fiel mir sofort Prof. Roger GOEPPER ein, der von 1959 bis 1965 das Museum für Ostasiatische Kunst in Berlin und von 1966 bis 1989 das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln geleitet hat. In seiner Kölner Zeit war er auch Professor für das Fach Ostasiatische Kunstgeschichte am Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln gewesen. Ich habe ihn während meiner ersten Verwendung im Japanischen Kulturinstitut Köln (vom April 1978 bis September 1983) kennen und schätzen gelernt, als ich dort für Projektplanung zuständig war.

Prof. Roger GOEPPER war Kunsthistoriker, jedoch kein Fachexperte für Japans Kunst. Trotzdem verfügte er über ein umfassendes Wissen über alle Aspekte der japanischen Kunst, insbesondere über die Kunst des esoterischen Buddhismus. Während seiner Amtszeit als Direktor des Museums für Ostasiatische Kunst in Köln gelang es ihm, trotz des begrenzten Budgets, fast jährlich eine Ausstellung über Japans Kunst zu organisieren, bei der er unterschiedliche Aspekte und Phasen der japanischen Kunst dem deutschen Publikum näherbrachte. Er trug wesentlich zum Verständnis der japanischen Kunst in Deutschland bei. Auch hielt er viele Vorträge über unterschiedliche Bereiche der japanischen Kunst, wobei sein hervorragendes Verständnis der japanischen Kunst und seine äußerst eloquente Rhetorik das Publikum stets zu fesseln vermochte.

Zudem verfügte Prof. GOEPPER über eine vielfältige und enge Beziehung zu japanischen Kunstwissenschaftler­innen und Kunstwissenschaftlern. Besonders gute Kontakte pflegte er zu den Nationalmuseen in Tōkyō, Kyōto und Nara sowie zum Bunka-chō (Amt für kulturelle Angelegenheiten). Anlässlich der Ausstellung „Shingon – Die Kunst des geheimen Buddhismus in Japan" im Jahre 1988, die seine letzte Ausstellung im Kölner Museum und somit quasi seine Abschiedsausstellung werden sollte, habe ich selbst das Bunka-chō sowie das Nationalmuseum Tōkyō und das Nationalmuseum Nara besucht, um sie zur Mitarbeit und Kooperation zu bewegen. Alle, die ich damals angesprochen hatte, sagten: „Wenn es sich um die Abschiedsveranstaltung von Prof. GOEPPER handelt, dann werden wir unser Bestes geben.“ So kam es, dass sie ihrerseits mit relevanten Personen in Japans Tempel und Museen gesprochen und sie davon überzeugt haben, in ihrem Besitz befindendes, vom Bunka-chō als „Wichtiges Kulturgut Japans“ klassifiziertes Kunstwerk, das normaler Weise fast nie der Öffentlichkeit gezeigt wurde, nach Köln auszuleihen. So kam es, dass in dieser Ausstellung wunderbare Exponate zusammenkamen, die unter normalen Umständen nicht einmal in Japan zu sehen gewesen wären.

Seinen nicht typisch deutschen Rufnamen „Roger“ bekam Prof. GOEPPER von seiner Mutter, die aus Großbritannien stammte. Er war ein sehr gut aussehender Mann mit einer wohlklingenden Stimme und stattlichem Auftreten, so dass er eine große weibliche Fangemeinde hatte. Ich kam nicht umhin, mir Gedanken zu machen, ob seine Frau deswegen nicht besorgt sei. Auch meine Frau wurde nicht müde zu betonen, wie attraktiv doch Prof. GOEPPER sei.

Das Japanische Kulturinstitut Köln ist die Deutschlanddependance der Japan Foundation. Eines der Ziele der Japan Foundation lautet, durch internationale kulturelle Austauschprojekte das Japanverständnis im Ausland zu verbessern und somit das internationale gegenseitige Verständnis zu fördern. Dafür hat die Japan Foundation im September 1969 das Japanische Kulturinstitut Köln eröffnet. Auf dem Nachbargrundstück hatte das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln 1976 mit dem Bau eines neuen Gebäudes begonnen, und dies am 2. Dezember 1977 eröffnet. Im Januar 1979 fand dort die Ausstellung „Plastik aus Japan. Holzskulpturen des 8. bis 18. Jahrhunderts" statt. Das war der Auftakt der Kooperation zwischen der Japan Foundation bzw. dem Japanischen Kulturinstitut Köln und dem Museum für Ostasiatische Kunst in Köln.

Diese Ausstellung japanischer Holzskulpturen zeigte die Genealogie der japanischen Bildhauerkunst von der Nara-Periode (710 - 794) über die Heian-Periode (794 - 1192) und der Kamakura-Periode (1192 - 1333) bis hin zu den Werken des Mönch Enkū (1632 - 1695) in der frühen Edo-Periode (1603 - 1868). Die Ausstellung fand großen Anklang und wurde anschließend im Museum Rietberg in Zürich und in den Königlichen Museen für Kunst und Geschichte in Brüssel gezeigt, wo sie ebenfalls erfolgreich war. Dank dieser Ausstellung haben wir – die Japan Foundation und das Japanische Kulturinstitut Köln – eine gute Beziehung zu Professor Helmut BRINKER vom Museum Rietberg und Frau Chantal KOZYREFF in Brüssel, mit denen Prof. GOEPPER seit vielen Jahren eng befreundet war, aufbauen können. Damit haben wir einen weiteren wichtigen Baustein für die Präsentation japanischer Kunst in Europa gewonnen.

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Roger Goepper & Yoichi Shimizu

Der Autor (rechts) am Tage seiner Verabschiedung als Direktor des Japanischen Kulturinstitut Köln
zusammen mit Prof. 
GOEPPER (Mitte) Foto: Japanisches Kultur Institut Köln

Um die Entwicklung der modernen japanischen Malerei und Kunst zu verdeutlichen, ist es nach Ansicht der Japan Foundation unerlässlich, Werke japanischer Maler im japanischen Stil (Nihonga) wie auch im westlichen Stil (Yōga) für das Publikum im Übersee zugänglich zu machen. Deshalb hatte sie schon lange eine Ausstellung von Japans Malerei im westlichen wie auch im japanischen Stil in Erwägung gezogen. Nach meiner Erinnerung war es etwa Mitte der 1980er gewesen, als ich von der Zentrale in Tōkyō den Auftrag erhielt, zwei Ausstellungen in Zusammenarbeit mit Prof. GOEPPER zu realisieren, da er doch ein einzigartiger Kenner und Fürsprecher der japanischen Kunst sei.

Damals war ich für Projektplanung und -realisierung des Japanischen Kulturinstituts Köln zuständig. In dieser Eigenschaft habe ich mich wiederholt mit Prof. GOEPPER zusammengesetzt. Die Ausstellung der japanischen Maler im japanischen Stil fand im Frühjahr 1982 im Museum für Ostasiatische Kunst in Köln, die Ausstellung „Japanische Malerei im westlichen Stil" vom Juni bis Juli 1985 ebenfalls dort statt. Bei der ersten Ausstellung von Gemälden japanischer Maler im japanischen Stil wurden Meisterwerke aus der Meiji-Periode (1868 - 1912), der Taishō-Periode (1912 - 1926) und der Shōwa-Periode (1926 - 1989), beginnend mit der Malerei von KANŌ Hōgai (1828 - 1888) bis hin zu YOKOYAMA Taikan (1868 - 1958), HISHIDA Shunsō (1874 - 1911), KOBAYASHI Kokei (1883 - 1957), HAYAMI Gyoshū (1894 - 935), MURAKAMI Kagaku (1888 - 1939) und ITŌ Shinsui (1898 - 1972) gezeigt. Diese Ausstellung erhielt zwar eine gute Resonanz, doch war ich mir nicht sicher, ob mein Konzept aufgegangen ist. Ich wollte den Einfluss, den die westliche moderne Kunst, insbesondere die postimpressionistische Malerei auf die japanische Kunstwelt hatte, verdeutlichen, und den Kampf der japanischen Maler gegen diesen Einfluss darstellen. Ob ich dies dem deutschen Publikum habe vermitteln können, da bin ich mir leider nicht sicher.

Bei der Ausstellung der Werke japanischer Maler im westlichen Stil hatte ich die Befürchtung, dass sie sich noch schwieriger gestalten würde, als die Ausstellung von Gemälden im japanischen Stil, denn sie könnte als bloße Nachahmung westlicher moderner Kunst angesehen und vom deutschen Publikum belächelt werden. Es wurden Werke von TAKAHASHI Yuichi (1828 - 1895), KURODA Seiki (1866 - 1924), AOKI Shigeru (1882 - 1911), ASAI Chū (1856 - 1907), FUJISHIMA Takeji (1867 - 1943), YOROZU Tetsugorō (1885 - 1927), KISHIDA Ryūsei (1891 - 1929), FUJITA Tsuguharu (1886 - 1868) u. a. ausgestellt, von denen fünf Werke zu „Wichtiges Kulturgut Japans“ zählten. Damals gab es meines Wissens nur sechs moderne Gemälde im westlichen Stil, die als „Wichtiges Kulturgut Japans“ klassifiziert waren. Diese Ausstellung zeigte also eine Reihe von Meisterwerken, die selbst in Japan nicht in einer einzigen Ausstellung zu sehen gewesen wären. Sie wurde durch den Einsatz der beteiligten Kuratoren des Tōkyō Kokuritsu Kindai Bijutsukan (Das Nationalmuseum für moderne Kunst Tōkyō), des Kanagawa Kenritsu Kindai Bijutsukan (Museum für moderne Kunst der Präfektur Kanagawa) und des Bridgestone Museum of Art, heute: ARTIZON MUSEUM) ermöglicht. Für ihre Bemühung und Unterstützung bin ich heute noch dankbar. Ich glaube aber auch, dass Prof. GOEPPER mit seinen zahlreichen Vorträgen und ausführlichen Informationen an die lokalen Medien zum großen Erfolg dieser Ausstellung beigetragen hat.

Wie bereits erwähnt, hat Prof. GOEPPER einen großartigen Beitrag zum Kunst- und Kulturaustausch zwischen Japan und Deutschland geleistet. In Anerkennung seiner Leistung verlieh ihm die Japan Foundation den Japan Foundation Preis. Roger GOEPPER ist 2011 im Alter von 86 Jahren verstorben, ein Verlust, der mich heute noch sehr schmerzt.

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Foto: © 2021 Nakamura Masato. All Rights Reserved

 

 Über den Autoren: Shimizu Yōichi – Brückengänger

 

1943 in Beijing geboren. Studium an der Kokusai Kiristokyō Daigaku (International Christian University in Tōkyō) und an der Universität Marburg. 1964 Eintritt in das Außenministerium, von 1975 bis 2002 angestellt bei der Japan Foundation. Er war Direktor des Japanischen Kulturinstituts Köln (April 1993 bis September 1996), Generalkonsul von Japan in München (Juli 2002 bis Oktober 2004) und Gastmitarbeiter/Liaison Officer am Goethe-Institut München (Februar 2005 von März 2007). Von April 2009 bis März 2012 war er stellvertretender Generalsekretär des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin. In seiner Amtszeit 2011 fiel das 150jährige Jubiläum der japanisch-deutschen Beziehungen, in dessen Rahmen er seinen lang gehegten Traum, eine große Hokusai-Ausstellung, im Martin-Gropius-Bau hat realisieren können: Mit 441 ausgestellten Exponaten (429 kamen direkt aus Japan) war es eine der größten Hokusai-Ausstellungen in diesem Jahrhundert in Europa.

Das Titelbild zeigt Roger Goepper (zweiter von rechts) bei der Eröffnungsfeier der Ausstellung „Shingon – Die Kunst des geheimen Buddhismus in Japan" im Museum für Ostasiatische Kunst in Köln, September 1988.

Übersetzung: Japanisch-Deutsches Zentrum Berlin

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