Eines Tages werde ich ganz bestimmt in Deutschland leben.

Interview mit JDZB-Alumna TANABE Nozomi, Teilnehmerin des Deutsch-Japanischen Austauschprogramms für junge Berufstätige 2009

Die Kolleginnen MAKINO Hitomi und MIURA Nauka sind mit dem Herzen dabei, um den deutsch-japanischen Jugendaustausch zu fördern. In diesem Beitrag hat die Kollegin MAKINO eine ehemalige Teilnehmerin eines Austauschprogramms zu ihren damaligen Erfahrungen und zu ihrem heutigen Leben interviewt.

MAKINO: Seit wann interessierst Du Dich für Deutschland, und gab es dafür einen besonderen Anlass oder bestimmte Interessen?

TANABE: 2003 war ich beruflich in Deutschland. Während eines Spazierganges habe ich mehr oder weniger zufällig eine Kirche betreten, wo mir unvermittelt Tränen in die Augen schossen. Zusammen mit den Tränen kam mir plötzlich die Eingebung, dass ich eines Tages ganz bestimmt in Deutschland leben werde.

MAKINO: Wie hast Du damals vom Deutsch-Japanischen Austauschprogramm für junge Berufstätige erfahren? Was war die Motivation, sich für das Austauschprogramm zu bewerben?

TANABE: Mit Blick auf einen Deutschlandbesuch hatte ich einen Deutschkurs belegt. In dem Lehrbuch des Kurses fand ich die Ausschreibung für das Deutsch-Japanische Austauschprogramm für junge Berufstätige. Da hatte ich wieder eine Eingebung, die mir sagte, dass dieses Programm das perfekte Programm für mich sei, weswegen ich mich ohne zu zögern beworben habe. Denn das Programm bestand aus etwa zwei Wochen Deutschlandaufenthalt, Besuchsprogramme in Ministerien, Behörden und Firmen, es gab einen Gastfamilienaufenthalt, man lernte Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Deutschland kennen, und es gab weitere Programmelemente in Japan. Es war ein äußerst attraktives Programm, an dem ich unbedingt teilnehmen wollte. Allerdings war ich Angestellte einer Firma, weswegen ich zuerst meinen Vorgesetzen konsultieren musste. Da ich in einem relativ flexiblen Arbeitsverhältnis beschäftigt und mein damaliger Vorgesetzter sehr verständnisvoll war, habe ich die Erlaubnis zur Bewerbung erhalten. Ich hatte rundum großes Glück.

MAKINO: Kannst Du Dich noch daran erinnern, wie Du reagiert hast, als Du erfahren hast, dass Du am Programm teilnehmen kannst?

TANABE: Das Benachrichtigungsschreiben wurde an die Firma, wo ich arbeitete, geschickt, aber es war – soweit ich mich erinnere – nicht direkt an mich, sondern an meinem oben erwähnten Vorgesetzten gerichtet. Sortierung und Verteilung der eingegangenen Post gehörten damals zu meinem Aufgabenbereich, so dass ich mit pochendem Herzen den Umschlag, in dem ich den Bescheid vermutete, meinem Vorgesetztem übergab. Heute noch weiß ich, wie glücklich ich war, als ich den Satz „Teilnahme bewilligt“ gelesen habe! Auch mein Vorgesetzter hat sich darüber sehr gefreut. Das ist eine schöne Erinnerung.

MAKINO: Wie war das Austauschprogramm in Deutschland und die Begegnung und der Austausch mit den deutschen Programmteilnehmerinnen und -teilnehmern für Dich?

TANABE: Das Austauschprogramm war wirklich wie für mich geschaffen.

Das erste große Aha-Erlebnis hatte ich beim Besuch im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Bei einem Ministerium hat man automatisch das Bild einer steifen Behörde vor Augen, aber die Menschen, die dort tätig waren, waren sehr leger gekleidet; auch diejenigen, die nur vorbeiliefen, versprühten eine fröhliche Atmosphäre – ganz anders als das Bild, das ich in mir trug. Nach meiner Erinnerung war es eine Atmosphäre, die den Eindruck einer angenehmen Arbeitsumgebung vermittelte. Bei den Besuchen diverser Firmen haben wir auch viele Informationen erhalten und viel gelernt. Dass ich dabei vor Ort die jeweilige Arbeitsatmosphäre spüren konnte, war für mich sehr eindrücklich.

Das Thema des Austauschprogramms 2009 lautete „Work-Life-Balance“, aber darüber hinaus wollte ich mich auch über die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen (CSR) informieren, um einige Ideen nach meiner Rückkehr in meiner Firma umzusetzen. Vor allem aber wollte ich alles über mein geliebtes Deutschland erfahren. Deshalb hat mir die richtige Portion Anspannung in einem vollgepackten Tagesprogramm sehr gutgetan. Nach meiner Eingebung von 2003 waren sechs Jahre vergangen. In diesen Jahren hatte meine Sehnsucht nach Deutschland keineswegs nachgelassen. Im Gegenteil: sie ist tiefer und stärker geworden, so dass ich zufrieden und erfüllt am Programm teilgenommen habe. Der Meinungsaustausch mit den deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmern – also den Delegationsmitgliedern – war sehr anregend. Ich war überrascht, wie unterschiedlich die Meinungen zu ein und demselben Thema ausfallen, wenn man aus verschiedenen Ländern und Kulturen stammt.

Ich weiß noch, wie nervös ich war, als ich die deutschen Delegationsmitglieder zum ersten Mal traf. Der erste Eindruck war: „Mann, sind die alle groß!“ Aber alle vermittelten einen sehr freundlichen Eindruck, waren doch viele von ihnen sehr an Japan interessiert. Ein Delegationsmitglied schenkte mir sogar ein Bilderbuch zum Deutschlernen, nachdem es erfahren hatte, dass ich Deutsch lerne.

MAKINO: Damals, 2009, als wir Euch, die japanische Delegation, am Programmende zum Flughafen gebracht haben, hast Du zu meiner Kollegin Miura Nauka und mir gesagt: „Ich komme ganz bestimmt wieder zurück nach Deutschland!“. Und Du bist tatsächlich zurückgekommen! Was hast Du in Japan unternommen, um wieder nach Deutschland kommen zu können? Hattest Du auch Unterstützung durch deutsche Programmteilnehmende, mit denen Du Dich angefreundet hattest?

TANABE: An unsere Abschiedsszene am Flughafen kann ich mich auch noch sehr gut erinnern. Die Teilnahme am Austauschprogramm hat meinen Wunsch, eines Tages in Deutschland zu leben, noch verstärkt. Bevor ich mich konkret auf meinen Deutschlandaufenthalt vorbereitet habe, habe ich versucht, möglichst viel mit der deutschen Sprache in Berührung zu kommen. Dazu besuchte ich einmal in der Woche einen Deutschkurs, und im Pendelzug auf dem Weg zur und von der Arbeit las ich im Deutsch-Lehrbuch oder habe mir Audiodateien angehört. Einmal hat mich im Zug eine mir völlig fremde deutsche Frau, die mich Deutsch lernen sah, angesprochen, worüber ich mich sehr freute. Zur konkreten Vorbereitung gehörten die Klärung der Visa- und Wohnungsfrage. Für mich war ein Visum für eine Sprachschule die einzige Möglichkeit, in Deutschland zu leben, also war meine erste Priorität, mich in Deutschland in eine Sprachschule einzuschreiben und eine Wohnung zu finden. Mit einigen befreundeten deutschen Delegationsmitgliedern habe ich mich gelegentlich über Skype (damals meist auf Englisch) unterhalten, erhielt von ihnen zu Weihnachten wunderschöne Karten und Süßigkeiten, und 2010 flog ich in den Ferien nach Deutschland, um sie zu besuchen – so konnte ich unsere freundschaftliche Beziehung immer weiter vertiefen. Schließlich kam es dazu, dass ich ein Zimmer in der Wohnung eines ehemaligen Delegationsmitglieds mieten konnte. Das war wirklich wunderbar.

MAKINO: Wann warst Du dann wieder in Deutschland und was hast Du gemacht? Wie war das für Dich?

TANABE: Im Herbst 2012 bin ich in Berlin gelandet.

Eine Woche nach meiner Ankunft begann der Deutschkurs. Ich weiß noch, wie nervös ich jeden Tag war, sowohl was den Alltag als auch was die Sprachschule betraf. Vieles kannte und verstand ich nicht, ein Termin für den Visumsantrag stand nur für eine sehr späte Zeit zur Verfügung, und all die schwierigen deutschsprachigen Dokumente waren für mich unverständlich. Ich bin meinen Freunden sehr dankbar, die mir damals geholfen haben. Obwohl ich in Japan ein wenig Deutsch gelernt hatte, war der Alltag mit „echtem Deutsch“ eine ganz neue Erfahrung – das habe ich am eigenen Leib erfahren. Nach der Einstufungsprüfung in der Sprachschule wurde ich in die Mittelstufe eingeordnet, aber da die meisten meiner Mitschülerinnen und -schüler aus Europa kamen, waren ihre Konversationsfähigkeiten bereits sehr hoch und es war wirklich schwer, jeden Tag mit ihnen Schritt zu halten. Die Unterrichtsstunden und die Hausaufgaben haben meine Tage völlig in Beschlag genommen, und als der Winter immer näher rückte, wurde die Stadt zunehmend grauer, und mit ihr auch meine Gefühle. Ich bin in meinem geliebten Deutschland angekommen, doch der Anfang war grau in grau.

Aber auch in dieser Situation gab es Freunde, die mir beistanden und mich anriefen, um gemeinsam auszugehen. Ich habe auch Sprachtandemfreunde gefunden, so dass langsam Routine in den Alltag einkehrte. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, bin ich sehr dankbar für die viele Unterstützung, die ich von so vielen Menschen erfahren habe.

MAKINO: Wann und weshalb war für Dich klar, dass Du längerfristig in Deutschland leben und arbeiten willst?

TANABE: Anfangs hatte ich keinen Plan gehabt, wie lange ich in Deutschland bleiben würde. Mein Visum für die Sprachschule erlaubte mir nur einen Aufenthalt von einem Jahr. Wenn ich länger bleiben wollte, musste ich mir demnach einen Job suchen. Während des ersten Jahres, das ich hauptsächlich an der Sprachschule verbrachte, hatte ich keine Zeit für andere Sachen. Deshalb dachte ich nach etwa einem halben Jahr Aufenthalt, dass es zu schade wäre, wenn ich nach nur einem Jahr nach Japan zurückzukehre. Ich lebte zwar in Deutschland, doch hatte ich nichts vom echten deutschen Alltag mitbekommen. Ich konnte mir nicht vorstellen, in dieser Situation zurück in meinen Alltag in Japan zurückzukehren. Ich war bislang immer meiner Eingebung gefolgt. Auch diesmal folgte ich meiner Intuition: Es fühlte sich natürlicher an, weiter in Deutschland zu leben. Um einen Aufenthalt zu ermöglichen, begann ich darüber nachzudenken, wie ich einen Job finden kann.

MAKINO: Wo lebst Du jetzt und was machst Du? Bist Du gut durch die Pandemiezeit gekommen? Triffst Du noch regelmäßig deutsche Programmteilnehmende?

TANABE: Derzeit bin ich Verkäuferin in Bayern. Während dieser COVID-19-Pandemiezeit frage ich mich zwar, wann ich wohl das nächste Mal wieder nach Japan fliegen kann. Den Alltag in der Pandemiesituation habe ich aber bis jetzt einigermaßen gut gemeistert. Von Zeit zu Zeit habe ich Kontakt zu meinen Freunden aus der deutschen Delegation. Wir wohnen voneinander entfernt, so dass wir uns nicht spontan treffen können. Ich habe auch deutsche Freunde, mit denen ich gemeinsam Japan bereist habe. Wenn sich die Situation wieder beruhigt, möchte ich sie alle wieder besuchen!

MAKINO: Zum Abschluss: Welche Auswirkung hatte die Programmteilnahme auf Dich und Dein Leben insgesamt?

TANABE: Ich hatte mich ja bereits für Deutschland interessiert, als ich auf das Deutsch-Japanische Austauschprogramm für junge Berufstätige aufmerksam wurde. Kurz zuvor hatte ich nicht nur meinen Arbeitsplatz, sondern meinen Beruf gewechselt. Ich hatte den starken Wunsch, durch meine Tätigkeit in einem Unternehmen einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Meines Erachtens hatte ich unter den damaligen Programmteilnehmenden die höchste Motivation. Das wichtigste Ergebnis der Programmteilnahme war, dass mein Wunsch „Eines Tages werde ich ganz bestimmt in Deutschland leben.“ verfestigt und realistischer wurde. Das liegt zu einem Teil am Programminhalt, zum anderen Teil auch an den Menschen, die ich kennengelernt habe. Jetzt, wo ich in Deutschland lebe, habe ich das Gefühl, dass alles miteinander verbunden ist. Dass ich heute noch Kontakt zu den Menschen habe, die ich durch das Deutsch-Japanische Austauschprogramm für junge Berufstätige kennengelernt habe, hat mein Leben sehr beeinflusst. Dieses Interview, das mir die Gelegenheit gibt, noch einmal auf das Programm zurückzublicken, hat mir einmal mehr bewusst gemacht, dass die Verbindungen, die ich damals geknüpft habe, für die Verwirklichung und Bereicherung meines Lebens in Deutschland unverzichtbar waren.

Übersetzung: Japanisch-Deutsches Zentrum Berlin

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